1. Gründungsphase

Um das Jahr 1900 stand der Sport in Deutschland und in Europa vor großen Veränderungen. Vor allem die Medien hatten den aus England stammenden Fußball bekannt gemacht. Das neue Kampf- und Mannschaftsspiel fand dadurch auch auf dem Festland sehr schnell Verbreitung. Gleichzeitig entstand in Europa eine große Radsportbegeisterung. Im Alltag war das normale Fahrrad für viele das wichtigste Fortbewegungsmittel. Als glitzernde Rennmaschine faszinierte es die Menschen. Als daher Aloys und Friedrich Fontaine im Jahr 1907 den Anstoß gaben, in Fraulautern einen Fußball-Club zu gründen, und als gleichzeitig Anton Fontaine und Nikolaus Schleich den "Radfahrverein Blitz 07" ins Leben riefen, waren sie auf der Höhe der Zeit. Würde man heute von "Trend-" oder "Modesportarten" sprechen?

Modern an den neuen Vereinen war jedenfalls ihre gesellschaftliche Ausrichtung. Der im September 1909 gegründete "1. Fußballclub Fraulautern 1909" war weder bürgerlich, wie es die deutsche Turnerbewegung gewesen war, noch auf bestimmte Schichten und Berufsgruppen fixiert, wie z.B. die benachbarten Arbeitersportvereine. "Jede unbescholtene Person", so hieß es in der Satzung, konnte Mitglied werden und ihren Sport ausüben. Anders als die streng katholische Deutsche Jugend Kraft (DJK) war man auch nicht konfessionell gebunden, gleichwohl aber gottesfürchtig und auf die Wahrung der guten Sitten festgelegt. Vor größeren Wettkämpfen setzte der Spielausschuß mehrtägige "Trainingszeiten" (heute würde man sagen: Trainingslager) an. Dabei galt die Vorschrift: "Während dieser Zeit hat der Spieler so weit wie möglich dem Genuß von Alkohol zu entsagen."

Der Erfolg gab den Pionieren des SV 09 recht. Schon sehr bald konnten Fahrer von "Blitz 07" große Siege bei Radrennen in der ganzen Region erringen. Legendär wurde Nikolaus Schleich, der an einem einzigen Renntag bei sechs Rennen sechs 1. und 2. Preise errang. Vor dem Erfolg stand allerdings auch damals schon die Arbeit: Die Fußballer mußten das Gelände am Birkenwäldchen, das ihnen der Bürgermeister zur Verfügung gestellt hatte, erst in mühsamer Eigenarbeit roden und befestigen. Erst danach konnten sie ihre ersten Spiele vor heimischem Publikum gegen Gegner aus der näheren und weiteren Umgebung bestreiten.

Neben der Modernität und der Offenheit für alle Sportbegeisterten entwickelte sich in dieser frühen Gründungsphase noch ein drittes Merkmal, das den SV 09 Saarlouis-Fraulautern bis heute prägt. Trotz der anfangs noch recht widrigen Umstände organisierten die Radfahrer ein Rundrennen Fraulautern - Metz - Trier - Fraulautern, während die Fußballer eine besonders enge Sportkameradschaft mit der Mannschaft von Metz-Frescati verband. Zwar kann man für diese Zeit noch nicht von internationaler Arbeit sprechen, da Elsaß-Lothringen noch von Deutschland annektiertes Gebiet war. Immerhin kann man aber sagen, daß der SV 09 schon damals die sportlich-freundschaftliche Zusammenarbeit mit Partnern im Westen suchte und sich nicht von Sprach- oder sonstigen Grenzen abschrecken ließ.

2. Ein Omnisportverein entsteht

Fair-play und Gemeinschaft gehört zu den Grunderfahrungen jedes Sportbegeisterten, ganz gleich welchen Alters er ist oder welcher Disziplin er sich verschrieben hat. Im Training, im Wettkampf und im Vereinsleben bilden individuelle Leistung und sportliche Kameradschaft ein untrennbares Paar. Der faire und verantwortungsbewußte Umgang miteinander prägte auch die Geschichte des SV 09 Saarlouis-Fraulautern von Anfang an.

Schon in den 1920er Jahren war der SV 09 längst kein reiner Fußballverein mehr. Durch die Fusion mit den Handballern der "Sportfreunde Fraulautern" entstand die "Sportvereinigung Fraulautern" als Verein mit zwei Sparten. Die Entwicklung des SV 09 in den folgenden Jahren war allerdings mehr durch politische Einflüsse geprägt. Im Jahr 1937 wurden alle sporttreibenden Vereine in Fraulautern zur sogenannten TSG Fraulautern zusammengefaßt und nach dem Führerprinzip geordnet. Das Nazi-Regime mißtraute den Vereinen als möglicher Keimzelle für Widerstand und versuchte, sie so unter Kontrolle zu bringen. Tatsächlich sind auch im Archiv des SV 09 einige Schriftstücke erhalten, die die Unterschrift "Heil Hitler" tragen. Da viele Fraulauterner Sportler bald schon zum Wehrdienst eingezogen wurden, kam der Sportbetrieb jedoch ohnehin weitgehend zum Erliegen.

Nach dem Zweiten Weltkrieg stand der Sport im Saarland unter der Kontrolle der französischen Militärregierung. Man könnte es als Ironie der Geschichte bezeichnen, daß auch die französische Verwaltung die alte Vereinsstruktur nicht wieder zulassen wollte. Die französischen Besatzungsoffiziere hatten bestimmte Sportarten im Verdacht, möglicherweise als Auffangbecken für politische Umtriebe dienen könnten. Auf diese Idee war man unter anderem durch die sogenannte Werwolf-Propaganda gekommen, mit der Propagandaminister Joseph Goebbels die Bevölkerung in den von den Allierten besetzten Gebieten zu Sabotage und Angriffen gegen die Westmächte aufforderte. Die Boxer, die Leichtathleten, aber beispielsweise auch die Schützen riefen Argwohn hervor. Außerdem mißtrauten die Franzosen vor allem den Turnern, deren antifranzösische Propaganda unter Turnvater Jahn jahrzehntelang das Klima zwischen Deutschen und Franzosen vergiftet hatte.

Im Endergebnis wurde der Sport in Fraulautern auf Anweisung der Militärregierung nach dem sogenannten Omnisport-Prinzip neu geordnet. Alle Sportarten wurden in einem einzigen Verein zusammengefaßt. Dadurch sollte die Kontrolle erleichtert werden und vor allem sollten die demokratischen Sportler die möglicherweise gefährlichen Sportarten positiv beeinflussen. Diese Zwangsehe war zwar nicht von langer Dauer. Trotzdem wurde damit das Prinzip des Großvereins grundgelegt, das die Struktur des SV 09 als Mehrspartenverein bis heute noch prägt.

3. Der Große Sand - Zentrum des Sports in Fraulautern

"Am Großen Sand schlägt das Herz des SV 09" - dieser Satz mag vielleicht ein wenig pathetisch klingen, trifft aber den Kern der Sache recht gut. Ganz am Anfang der fast hundertjährigen Vereinsgeschichte stand das "völlig wertlose" Gelände am Birkenwäldchen, das Bürgermeister Neis den fußballbegeisterten Fraulauternern zur Nutzung überließ. Dort mußte erst einmal in mühsamer Handarbeit gerodet und planiert werden, bevor dann noch vor dem Ersten Weltkrieg die ersten Trainingseinheiten und Spiele durchgeführt werden konnten. Ein zeitgenössisches Foto gibt einen Eindruck davon, wieviel Arbeit damals zu leisten war.

Durch den ungeahnten Aufschwung des Sports in Fraulautern wurde es jedoch in den 1920er Jahren sehr schnell zu eng auf dem "alten" Sportgelände. Die erfolgreichen Handballer und Leichtathleten benötigten dringend Trainings- und Wettkampfgelände, so daß ein zweiter Platz gebaut werden mußte. Dringend erforderlich war auch eine Rundbahn, die von Leichtathleten und Radrennfahrern genutzt werden sollte. Innerhalb weniger Jahre entstand so ein großes Sportzentrum am "Großen Sand", das aber immer noch recht spartanisch ausgestattet war. Feste Umkleidegebäude oder gar ein Clubhaus suchte man vergebens.

Was den Sport in Fraulautern angeht, war die Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg eher Rekonstruktion als Wiederaufbau. Natürlich wurden zunächst die durch Artilleriebeschuß stark zerstörten Anlagen wieder in benutzbaren Zustand versetzt. Das alleine gestaltete sich schon schwierig genug, herrschte doch in den ersten Jahren nach dem Krieg Mangel an allem, vor allem aber an Baumaterial und geeignetem Gerät. Besonders die Leichtathleten litten unter den schlechten Trainings- und Wettkampfbedingungen und mußten noch geraume Zeit auf andere Plätze ausweichen. Zugleich wurde aber schon die Ausweitung des "Großen Sand" ins Auge gefaßt. Die französische Militärverwaltung stellte eine Baracke zur Verfügung, die früher dem Reichsarbeitsdienst gehört hatte und die nun wohl als Umkleidegebäude benutzt wurde.

Allerdings dauerte es bis 1959, bevor der Bau eines festen Umkleidegebäudes mit Platzwartwohnung begonnen werden konnte. Seine Fertigstellung erfolgte ein Jahr später. In diesem Jahr konnte am "Tag des SV 09 Fraulautern", dem 29. Oktober, auch ein Gedenkstein zu Ehren der verstorbenen Vereinsmitglieder eingeweiht werden. Nachdem dieser Anfang erst einmal gemacht war, ging es Schlag auf Schlag: Im Jahr 1965 begannen die Planungen für den Bau eines Rasenplatzes, der 1968 vollendet werden konnte. In Eigenleistung wurde währenddessen auch das Club- und Jugendheim errichtet. Mit dem Bau des sogenannten "neuen Kassenhäuschens" wurde die Sportanlage, die mittlerweile zum vollwertigen Stadion mit 8000 Stehplätzen geworden war, dann fürs erste komplettiert.

Heute ist am Großen Sand von den einstmals so einfachen Anfängen des Sports in Fraulautern kaum noch etwas zu sehen: Die großzügige Tennisanlage mit 6 Plätzen und eigenem Clubheim, die im Jahr 1980 errichtet wurde, erweiterte das Sportzentrum nach Westen. Die Leichtathleten schufen sich in den 90er Jahren im Süden der Anlage in mühevoller Eigenarbeit topmoderne Club- und Gerätehäuser, die nicht nur den großen Sportfesten Raum bieten, sondern auch von vielen Vereinen des Stadtteils gerne für sportliche und gesellige Veranstaltungen genutzt werden. An der Gegentribüne des Rasenplatzes wurde ein Wirtschaftsgebäude errichtet, das zur Bewirtung der Zuschauer bei den Spielen der Fußball-Abteilung und für die Vereinsjugend dient. Das eigentliche Clubheim schließlich hat durch die Befestigung des Parkplatzes in den 1990er Jahren und zuletzt durch die Neugestaltung des Innenhofes ein neues Gesicht gewonnen.

Auf diese Weise hat die Perfektion des 21. Jahrhunderts die Improvisation der Anfangsjahre nach dem Krieg abgelöst. Bedauern wird das sicher niemand. Ein bißchen Wehmut mischt sich beim Betrachten alter Bilder aber manchmal doch in den Stolz auf das gemeinsam Erreichte.

4. Der SV 09 - daheim in Europa

Daß Sport Völker verbindet, ist heute eine Binsenweisheit. Daß aber ein Verein aus einem Dorf an der mittleren Saar ein so deutliches internationales Profil entwickelt hat, ist schon eine Besonderheit. Die "Förderung der Freundschaft zwischen den Völkern" ist seit langem bereits eigenes, ganz vorne in der Satzung verankertes Ziel des SV 09 Saarlouis-Fraulautern - und steht auch tatsächlich im Mittelpunkt seiner Aktivitäten.

Die meiste internationale Erfahrung haben dabei sicherlich die Boxer: Das hohe Leistungsniveau dieser Abteilung führte ihre Aktiven seit jeher in aller Herren Länder, sei es zu Vergleichskämpfen, sei es zu internationalen Meisterschaften. Und nicht selten folgte auch internationale Box-Prominenz der Einladung aus Fraulautern. Und eben diese Weltoffenheit ist sicherlich auch ein Grund dafür, daß viele, die in Saarlouis erst heimisch werden mußten, ihren ersten Kontakt zum Fraulauterner Sport in der Box-Abteilung gefunden haben.

"International", "europäisch" - in einem Ort nahe der Grenze bedeutet das aber natürlich in erster Linie: Frankreich. Der SV 09 Saarlouis-Fraulautern gilt mit Recht als einer der Pioniere der deutsch-französischen Zusammenarbeit im Rahmen der Städtepartnerschaft zwischen Saarlouis und St. Nazaire. Sportliche Vergleichskämpfe und Jugendbegegnungen zwischen der Union Méan-Penhoët aus St. Nazaire und dem SV 09 bilden seit langem ein wichtiges Element des kulturellen Austauschs zwischen den beiden befreundeten Städten. Das Besondere liegt darin, daß beide Vereine diese Zusammenarbeit nicht etwa "mit Scheuklappen", also nur mit Blick auf ihre jeweiligen Interessen betreiben. Die Achse Penhoët-Fraulautern bildet längst bereits das organisatorische Rückgrat für gemeinsame Projekte vor allem der Jugendarbeit - gleich, welche Sportart dabei im Vordergrund steht und gleich, welche Organisation oder Institution als Träger fungiert.

Diese, in langjähriger Arbeit gewonnene internationale Kompetenz trägt ihre Früchte auch andernorts. Balaton Füret in Ungarn beispielsweise war Kooperationspartner des SV 09 Saarlouis-Fraulautern, und der Freundschaftsspiel gegen die hochklassige Damen-Handballmanschaft vom Plattensee eine interessante und nur in sportlicher Hinsicht wenig erfolgreiche Erfahrung für Saarlouis. Einen anderen Beleg für die internationale Kompetenz des SV 09 Saarlouis-Fraulautern wird leider allzuoft nur der besonders sorgfältige Beobachter registrieren können. Das langjährige, erfolgreiche Engagement einer ganzen Reihe von ehrenamtlichen Funktionären des Vereins in der internationalen Arbeit hat sie zu gefragten Organisatoren auf der Ebene von Fachverbänden und sonstigen Institutionen werden lassen. Man sieht daran, daß die internationale Arbeit Persönlichkeit(en) nicht nur fordert, sondern auch fördert

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